schreibt Fantasy

Risse

»Ein ungewöhnliches Stück.« Der weißhaarige Juwelier beugt sich tiefer über die Lupe, die von einem verchromten Ausleger über dem Objektträger gehalten wird, und unwillkürlich beuge ich mich mit. Ob ich weiß, was ich da mitgebracht habe, will er wissen und ich antworte brav: »Einen Diamanten.«
Er nickt beinahe ungeduldig. »Und was für einen! Da hat jemand sich etwas gedacht beim Schliff. Sehen Sie mal her.« Er dreht das Gerät so, dass ich durchs Objektiv blicken kann. »Und?«
»Wissen Sie, ich habe keine Ahnung von Diamanten. Für mich ist das einfach ein hübscher Stein. Meine Tante hat ihn mir vererbt, aber ich … ich brauche einfach keine Edelsteine. Also wollte ich ihn verkaufen und er hat …«
»… schlichtweg keine Fehler«, nimmt mir der Juwelier das Wort aus dem Mund. »Hoher Weißegrad, ohne zu übertreiben, vermutlich höchste Kategorie, das müsste noch geprüft werden. Wunderschöne, sehr dezente Farbeinschlüsse, ansonsten keine weiteren Unreinheiten. Ein ausgewogener Schliff, der die Besonderheiten des Rohlings gut berücksichtigt. Der sprüht förmlich Funken!« Mit einer beschichteten Pinzette hält er den Stein vor eine helle Lampe neben sich. Farbreflexe hüpfen durch den Raum, tausend winzige Regenbogen, als ob das Licht sie aus dem Stein presst. »Kein riesiges Stück, aber doch sehr, sehr ordentlich. Wir können das gleich auswiegen.«
»Aber er ist …«
»… Makellos, mein Herr. Einfach makellos.«
»Aber er hat einen Riss!« Ich schreie beinahe und der Juwelier, ein schmächtiger Mann mit feinen Gesichtszügen, zuckt erschrocken zurück. »Ich habe es genau gesehen. Ein Riss geht mitten hindurch.«
»Ich habe Ihnen doch eben gesagt …«
»… dass er keine Fehler aufweist, ich weiß.« Wie soll ich ihm nur erklären, was passiert ist? »Heute früh wollte ich den Stein einpacken, um ihn hierher zu bringen. Dabei habe ich ihn gegen das Licht gehalten – so – und den Riss gesehen. So glauben Sie mir doch!«
Erneut legt er den Stein auf den Objektivträger und sieht mit gerunzelter Stirn durch die Lupe, dann klappt er die zweite herunter, die auf dem schmalen Stirnband angebracht ist. Endlos lange starrt er durch das Glas, bis er endlich aufblickt.
»Sie müssen sich geirrt haben. Er ist und bleibt makellos.« Mühsam richtet er sich wieder auf und klappt die Lupe zurück. »Vielleicht haben Sie beim Hochhalten ein Haar erwischt und dann mit einem Riss verwechselt.«
»Das war kein Haar, sondern ein Riss. Gezackt wie ein … ein Risse eben.«
»Der Stein ist makellos«, wiederholt er mit einer Spur Ungeduld in der Stimme. »Wenn Sie möchten, fragen Sie gerne einen meiner Kollegen. Der wird Ihnen mein Urteil zweifellos bestätigen.«
In diesem Moment sehe ich es. Über seine linke Schläfe zieht sich ein Riss. Keine Verletzung, wie man sie sich einhandelt, wenn man mit scharfen Gegenständen hantiert. Da ist kein Blut, kein Schorf, nicht einmal eine Schwellung oder Rötung. Mitten durch die Haut verläuft eine gezackte Linie wie durch einen Stein, als ob der Kopf des Juweliers, Schädel, Haut, Blutgefäße, gerade zersplittert wäre wie ein zerfallender Marmorblock.
»Was ist?«, fragt er irritiert, als er mein Starren bemerkt. Ein winziges Bröckchen löst sich aus seiner Schläfe und zerfällt aus dem Boden zu Staub. Zurück bleibt ein Loch mit gezackten Rändern, das sich schwarz von seiner altersfleckigen Haut abhebt.
»Nichts«, entgegne ich mit heiserer Stimme. »Packen Sie den Stein wieder ein.«
»Ganz wie Sie wünschen.«
Als ich das Juweliergeschäft verlasse, sehe ich durch die Scheibe, wie er mir hinterhersieht und bedächtig den Kopf schüttelt.
Durch das Panzerglas zieht sich ein Riss, der sich in einem abstrakten Muster verzweigt. Einzelne Splitter sind nach innen gefallen und liegen zwischen den ausgestellten Ringen und Broschen.

»Ich kann nichts Auffälliges erkennen.« Der Augenarzt bedeutet mir mit einem Wink, das Kinn vom Untersuchungsgerät zu lösen. Noch geblendet vom Schein der Untersuchungslampe, reibe ich das schmerzende Auge. Das Behandlungszimmer sehe ich wie durch einen Schleier, unscharf und viel zu hell. Ich frage mich, wie ich den Weg nach Hause schaffen soll.
»Ihre Netzhaut ist geradezu makellos«, fährt der Augenarzt fort. »Ihr Auge könnte das eines Zehnjährigen sein.«
Schräg über seine Stirn zieht sich ein gezackter Spalt, vielleicht einen halben Millimeter breit, der unter dem hohen Haaransatz erscheint und unten an der Nasenwurzel in ein Delta aus Splittern ausläuft. Noch während ich hinsehe, verbreitert sich der Spalt und Sand rieselt heraus, der mitten im Fall verschwindet. Die Nasenspitze hat mein Gegenüber bereits verloren und gerade jetzt löst sich die Hälfte einer Braue und zerfällt in puderigen Staub, der sich im Raum verteilt. Darunter: Nichts. Keine Blutgefäße, keine Haarwurzel, nicht einmal Unterhautgewebe. Es ist, als wäre von einer Schieferplatte eine Lage abgeplatzt und hätte nichts anderes enthüllt als die nächste Lage Schiefer. Er reicht mir die Hand zum Abschied. Als ich das Behandlungszimmer verlasse, merke ich, dass ich noch immer seinen kleinen Finger festhalte. Einen Moment später zerfällt dieser zu feinem Sand, der mir zwischen den Händen hindurch auf den Boden rieselt. Ich drehe mich nach dem Arzt um, doch der ist bereits im nächsten Behandlungszimmer verschwunden. In der Wand neben mir entdecke ich einen fingerbreiten Spalt, aus dem der Putz rieselt. Hastig verlasse ich die Praxis.

Draußen ist mir wohler, auch wenn das gleißende Sonnenlicht schmerzhaft in den Augen sticht. Ich atme auf, bis ich das geparkte Auto am Straßenrand sehe. Der vordere Teil mit der Motorhaube hat sich vom Rest des Wagens getrennt und ist nach vorn gekippt. Durch den handbreiten Spalt kann ich Kühlwassertank, Luftfilter und Getriebe sehen. Der Keilriemen platzt ab und durchschlägt die Motorhaube, als ob sie aus morscher Rinde bestünde.
Als ich weitergehe, fällt hinter mir die Neonröhre einer Peitschenlampe zu Boden und zertrümmert einen Bordstein aus Granit zu Staub. Der Dame, die mir entgegenkommt, fehlt die rechte Hand. Mit der linken führt sie einen Dackel spazieren, dessen Fell von den Rippen platzt. Eine Wolke Motten löst sich aus dem durchlöcherten Rest, steigt in die Luft und löst sich in glitzernde Staubteilchen auf.
Die gleißende Helligkeit weicht schlagartig einem grauen Zwielicht. Als ich meine Blicke nach oben richte, fällt ein weiteres Stück der schon arg zerfallenen Sonne herunter und verschwindet hinter den bröckelnden Giebeln der Häuser auf der anderen Straßenseite. Hinter mir bricht eins der Geschäftshäuser mit einem trockenen Knirschen in sich zusammen.
Ich fange an zu rennen.

Die Zierborte des Bildes läuft in gezackte Risse aus.